27.10.2019 letztes Hangfliegen auf der Jeninser Alp


S C H E R E N S C H N I T T E

langer Morgenfrost im Tal - und 20° oben, 1500m über dem Rheintal, auf der Jeninser Alp: Wenn das stabile herbstliche Inversionswetter schon jede Thermik völlig verhindert, so kann man es doch trotzdem geniessen - vielleicht gibt es ja da und dort ein Bläschen an einer aufgewärmten Wand?

Aber erst einmal sehen wir uns satt an der farbarmen herbstlichen Fernsicht, den fein abgestuften Bergscherenschnitten. Als Vordergrund hängt Chris noch seinen Opferflieger ins Bild, einen etwas gebrauchten Omega.


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S N I P E

Nachdem das Opfer nicht gleich 1500m tiefer landen wollte, kam etwas ganz Leichtes zum Zuge: eine Snipe SN 2, die mit seiner teilbaren Fläche ideal für den Rucksack ist. Es ist einfach unglaublich, wie man das Teil minutenlang in den Himmel hängen kann, bis endlich irgendeiner warmen Stelle in der Wiese oder im Hang tief unten sanft und lautlos eine zarte Evaporeszenz entweicht. Und dann schwups in 2m engen Kreisen sich nach oben schwurbeln, bis dieses nach oben steigende Gebilde in sich zusammenfällt... Also bei diesem Teil braucht man wirklich keinen Motor, von irgendeinem Hauch wird es immer mit nach oben geweht, und sei es auch nur aus Versehen...


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Zizers in der Tiefe, Chur am rechten Bildrand. Rechts vom Seitenruder am Bildrand Piz Arblatsch und Piz Forbesch als Doppelgipfel


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Das Spannende an der Jeninser Alp ist aber dieser Kessel vor dem Vilan - hoch interessante Winde und Ablösungen an verschiedensten Stellen


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Eineinhalb Kilometer ungestörter Tiefblick ins Tal - immer wieder faszinierend


S T I L L E

Es ist Mittag, wir haben Zeit, so ein Flugstündchen steht schon im Buch. Es ist völlig still, beinahe könnte man die Flügelschläge der letzten Distelfalter und Admirale hören, die noch am letzten möglichen Tag über die Alpen wollen, eines der schwersten Hindernisse auf ihrem langen Flug bis südlich der Sahara.


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Hinter uns der Kamm, dahinter das Gleckhorn. Der Kamm ist dann der Einstieg für das Vergnügen am Nachmittag.


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Auch ein "Grosser" schaut vorbei, sieht uns, wackelt mit den Flächen zum Gruss und gleitet weiter. Und für alle Fälle hat auch er ein KTW...


V A M P I R E

Keine Ahnung, wie es inzwischen aufwindmässig aussieht. Da es aber sehr gute Aussenlandemöglichkeiten gibt, kann man sich eine geradezu unverschämte Sorglosigkeit erlauben: Kein Motor, und auch nicht gerade leicht. Einfach raus. Wenn es nicht geht, geht es eben nicht - aber wenn doch, wird es genial. Es wurde - dank des Geländes... vorne rechts am Eck über dem Rheintal im sanften Hauch die ersten hundert Meter tapfer "ausgesessen", mit Minimumsink dann zum Kamm im Rücken, ein bisschen Glück, ein bisschen Pech, doch ersteres mehr und letzteres weniger, und da war er, der erste 300er heute. Wie man das bei Nullthermik macht? Mit Geduld. Vieeel Geduld.


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Vor dem Vilan


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I N S T R U M E N T A R I U M

Zeit für mich, etwas zweites Grösseres aufzubauen, meine Supra. So sieht also Chris' und mein Ensemble aus - kein bleikugeliges "Waffenarsenal", sondern z.T. eher zarte Streichelgeräte, mit denen man sanft die lieben Aufwindlein liebkost statt sie sommerlich hart anzubrüllen: Trag mich!


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S U P R A

Erst Snipe und jetzt die Supra (hier die neuere F5J-Variante Supra Pro EL) - was für ein Unterschied... Kein Kleinkind zappelt mehr, sondern eine erfahrene Dame fragt nur müde, wo sie hin soll, und da fliegt sie dann hin. Und das Vario dudelt minutenlang nur die ersten beiden Töne seiner Dur-Tonleiter, tja, und dann sind da auch die 300m. Wie hat die das nur gemacht? An mir kann es nicht liegen, Thermik war absolut keine da, der Motor war es nicht, irgendwo muss es doch aus Versehen nach oben gegangen sein. Erstaunlich.


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hinten links am Bildrand der Doppelgipfel des Piz Kesch und rechts davon die Davoser Schiahörner


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Wieder vor dem Vilan, der leider fliegerisch kaum nutzbar ist (keine Landewiesen)


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O M E G A

Es zieht zu, und nach 15°° geht wirklich gar nichts mehr. Ausser mit der Snipe - in einem unachtsamen Moment verfliegt sie sich prompt und kommt 60m höher wieder zum Vorschein. Noch ein wenig herumstochern und dann Kuscheln in der Bergwiese.

Aber das "Opfer" darf noch mal ran und die überschüssigen mAh verbraten. Ein kleines lustvolles Ende der Stille, darf auch mal sein.


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Eine letzte schöne Landung, einpacken, im herzigen Restaurant oben an der Älplibahn alles ausklingen lassen und zufrieden nach Hause fahren.



Und jetzt die Wintersaison kommen lassen.
Ob es schon der letzte Hangflug dieses Jahr war? Man weiss es ja nie.


Bertram Radelow
© 2018