Die Waldstrassen von Davos


Nein, damit sind nicht die am Boden, sondern die in der Luft gemeint...

Schon seit langem, spätestens seit Verfügbarkeit von Seglern mit mehr als drei Metern Spannweite, ist den Davoser Modellfliegern aufgefallen, dass sich vom Talboden aus - sei es vom zugefrorenen See aus, sei es vom "Auf den Böden"-Gebiet aus - im Winter absolut erstaunliche Flüge in grösste Höhen absolvieren liessen. Der Autor selbst traf die Davoser Modellflieger das erste Mal vor über 16 Jahren, als gerade einer von ihnen mit seinem Viermeter-Twinastir in 1080m Höhe über dem Seehorn kreiste...

Über die Grundlagen solcher Flüge wurde relativ wenig nachgedacht. Im Winter sind die unteren Luftschichten in den Alpentälern Kaltluftseen, also "tot". Normalerweise trägt es in Davos erst ab 400-500m Höhe in einem sowohl sehr breiten Bereich an den Hängen als auch äusserst ruhig. Es gibt nicht einmal den Hauch einer Turbulenz, gesteuert wird mit Mikrometerbewegungen des Knüppels an sauber ausgetrimmten Modellen. Deswegen herrschte die Meinung vor, das Phänomen sei rein laminar oder orografisch (in Modellflugkreisen gerne fälschlich als "dynamisch" betitelt) bedingt - also durch Anhebung stabiler Luftschichten an Hindernissen. In Davos wurde eher an den Einstieg in einen Wellenwindsystem gedacht und nicht im Traum an Thermik - die "genialen" Flugtage waren i.d.R. in völlig trockener und bis abends wolkenloser Luft (ultramarinblauer Himmel). Allerdings war schon immer dort, wo es am besten nach oben ging, Wald.

Wald ist bekanntermassen eher ein Thermikkiller, kühl bleibend wenn sich alles um ihn herum erhitzt. Die beiden Hänge in Davos, an denen es am besten trug, lagen zufällig über Wäldern, aber niemand kam auf die Idee, dass diese etwas mit dem Fliegen zu tun haben könnten. Nicht einmal der Harzduft der Wälder (in Davos speziell bei der Skiabfahrt zur Schwarzseealp) im Endwinter liess jemanden über die Temperaturen nachdenken. Wald galt als kühl, und es wurde ohnehin vermutet, sie lägen noch innerhalb des Kaltluftsees (was ja eigentlich stimmt).

Das allererste Mal bewusst wahrgenommen wurden Wälder als ausschliessliche Grundlage der fantastischen Flüge im März 2018 in einem 30km entfernten Nachbarort von Davos mit ähnlicher Topografie: Flims. Beim Skifahren in der Zeit, in der sich nach dem Hochwinter die allerersten Cumuli bilden, war hier - bei stabilster Wetterlage - einfach unübersehbar, dass sich die Wolken ausschliesslich über den Wäldern bildeten. Es wäre dem Autor nicht in dieser Form aufgefallen wenn er nicht schon Jahre vorher beobachtet hätte, wie sich im Spätherbst selbst bei ultrastabilen Inversionslagen trotzdem an sonnenbeschienenen Hängen mehrere hundert Meter dicke Aufwindschichten bilden können. Hier drei Bilder aus Flims vom Morgen, Mittag und frühen Nachmittag:


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erste Cumuli durchstossen die Inversion



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Wolkenband über dem Waldgürtel der Südhänge und sonst nirgends (betrachte Wolkenschatten links und berücksichtige Sonnenstand).
Ca. 160°-Panorama. Der rosafarbene Dunst am Horizont ist Saharastaub.



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Zerfallende Cumuli über dem (ferneren) Waldgürtel.



"Man kann nur sehen was man kennt" (Minnaert, ein Eishalo-Forscher)

Mit so entstandener neuer Sichtweise präsentierten sich die folgenden April-Flüge in Davos völlig neu. Das Tal zeigt zur Zeit der Aufnahmen beinahe Richtung Sonne - die Wolkenschatten sind also hauptsächlich in Talachse versetzt und nur sehr wenig quer dazu. Man betrachte bitte jedes Bild unter diesem Aspekt, und es wird verständlich warum es erst die Flimser Bilder bedurfte: Anders als in Flims, wo der Talboden von der Vorderrheinschlucht beherrscht wird, gibt es in Davos am Talboden ein schneefreies ausgedehntes Siedlungsgebiet, das als Thermikgenerator in Frage kommt (tatsächlich ist den Davoser Modellfliegern bereits vor vielen Jahren aufgefallen, dass sich im April/Mai mitten über Davos prächtig in wolkenloser Thermik fliegen liess. Die Flüge über Siedlungsgebiet riefen aber Unbehagen hervor und waren eher selten). So war die Zuordnung der Wolken zum Wald nicht so deutlich.

Die folgenden Bilder entstanden bei einem typischen Aprilflug an der Nordostkante von Davos im Gebiet AUF DEN BÖDEN (viele Bilder blicken über Davos hinweg Richtung Südsüdwest). Man beachte:
  • Wälder sind nicht einfach so "da", sondern bilden Bänder an beiden Seiten des Tals. Hier liegen das linke im Schatten und das rechte maximal in der Sonne.
  • Fast alle Wolkenschatten lassen die Wolken ihren Erzeugern zuordnen! Anders als im Flimser Tal gibt es hier zwei Wolkenquellen: die Siedlungsgebiete am Talboden und die Wälder rechts an den Südosthängen
  • Es ist erstaunlich welche Flüge bisher in Davos möglich waren, wenn man sieht wie mager die Wälder im nutzbaren Gebiet sind. Wie wäre es wohl über ausgedehnten dichten dunklen Wäldern?



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Das nicht öffentlich zugängliche Davoser Fluggebiet unter dem Dorfberg: rechts der Salezer Wald über dem viel geflogen wird, in der Mitte der rechteckige Jungwald mit hellen Lärchen, links der Palüdawald in äusserst anstrengender Entfernung.


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Links der Cumulus über dem Salezerwald, rechts der über dem geradezu winzigen Seewerwald (auf keinem Bild erkennbar).



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Über dem Salezerwald. Vor dem Segler liegen kaum nutzbare Wälder, aber weiter vorne fängt mit dem Palüdawald ein massiver dunkler Waldgürtel bis zum Horizont an. Der auffällige rechteckige Lärchenwald ist ein altes Forschungsprojekt des SLF - er ist aber sehr hell.


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In der Höhe über Davos und dem See, kurz unter der Wolke, die durch den Seewerwald am Chateau Bruxelles ausgelöst wurde.



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Die Waldstrasse am Hang in fast ganzer Ausdehung. Versuche, sie von der rechts oben sichtbaren Station Höhenweg der Parsennbahn aus zu erreichen, schlugen wegen der zu grossen Entfernung bisher fehl. Dieses Bild gab den Anstoss, die dunklen Wälder in der Ferne zu erproben. Man sieht geradezu wie sie die Cumuli über ihnen ausschwitzen... Beachte die auffällige Gerade auf dem fernen Talboden: Sie wird gebildet aus Landwasserfluss, RhB-Trasse und Baumreihen und ist auch auf den weiter unten folgenden Bildern zu sehen, aber von der anderen Seite.


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Nach Nordosten hin (Klosters) liegt noch ein riesiges Gebiet zur Erprobung... Gleitschirmflieger sind aber im Spätwinter vor dem Gotschnagrat (links in mittlerer Bildtiefe) öfter in grossen Höhen zu sehen. Zu den Dimensionen: der Davoser See hat eine Länge von 1,1 km.


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Das "Zielfoto" - aus der höchsten erreichten Höhe. Der Startplatz war beim kleinen gelben ^ unten links. Das Tal ist über eine Länge von 6,6km zu sehen - von oben!



Am nächsten Tag wurde das Gebiet bei der STAFELALP beflogen. Ausgangspunkt war der Parkplatz am Ende der öffentlich befahrbaren Strasse (zwei geparkte Autos), gestartet wurde im schneebedeckten Feld links daneben.


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Rechts hinten Davos, und die Stafelalp ist über der Bildmitte. Der Einstieg in den Waldaufwind gelang problemlos bei ca. 200m Startüberhöhung



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Im Aufstieg, unten die gewundene Stafler Strasse. Jeweils hundert Meter Höhe wurden mehrfach in etwa zwanzig Sekunden erstiegen.



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In etwa 850m Höhe über der Startstelle, hoch über dem Wald. Zu Füssen die Stafelalp, am Horizont Davos.



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Blick zurück von einem Abstecher Richtung Talmitte. Dort war wie erwartet völlig tote Luft.



Da am Ende der Stafler Strasse die Sicht doch etwas eingeengt ist, wurde am wiederum nächsten Tag noch weiter südlich bei der LENGMATTA gestartet. Es wurde der bis dahin beste Flug, die Steigraten in grösserer Höhe waren erstaunlich.


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Die weissen Pixel sind das verwendete Flugmodell (eine Supra CFK light E) weit über der Stafelalp, fotografiert von einer onboard-Kamera an einem anderen Segler. Gestartet wurde wohlgemerkt am Talboden - solche sonst unvorstellbaren Flüge sind, auch sichttechnisch, nur unter diesen speziellen Bedingungen möglich. Die Supra erreichte an diesem Tag 1070m Startüberhöhung, fast spielerisch.


ZUSAMMENFASSUNG

Die Thermik über den "Waldstrassen" - den Lawinenschutzwaldgürteln an den Bergflanken - ist für den RC-Modellflug aus verschiedenen Gründen die Traumthermik schlechthin: Sie ist wie keine andere Thermik vorhersagbar, und das hochalpine Fliegen in gleissend heller Sonne und Landschaft unter tiefblauem Himmel ist unvergleichlich.

Ort:
Ein beliebiges Ost-/Westtal, besser noch Nordost/Südwest-Tal mit ca. 1200m bis 1500m Talbodenhöhe (Im Winter darf anders als im Sommer im Prinzip alles betreten werden). Das Internet-Kartenangebot der Schweizer Bundesbehörden (https://map.geo.admin.ch) hat zufälligerweise eine 3D-Funktion, die die Waldgürtel perfekt darstellt... Man kann sich fast à-la-carte aussuchen, wo man fliegen möchte, natürlich auch anderen Orten als den drei hier beschriebenen:


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geodata © swisstopo


Zeit:
Eine Schönwetterperiode im Spätwinter. Die Wälder müssen schneefrei sein, die Böden bzw. Hänge oberhalb und unterhalb schneebedeckt (wenigstens grossenteils). Kleine Kaltfronten stören wenig, meist ist der Neuschnee auf den Bäumen nach drei Tagen weg und der Wald wieder trocken. Über frisch verschneiten Wäldern wird man jedoch kein Glück haben. In Davos (1540m) ist es meist die Zeit von Mitte März bis Ende April.

Modell:
Grösse ab F3J bis hin zur Maximalgrösse, sofern man sie in die Luft bekommt. Darunter macht eigentlich wenig Sinn.
Elektrifizierung für den Einstieg über den Wald, oder Schlepp.
Weisse Unterseite. Das Sonnenlicht wird im Schnee reflektiert und leuchtet die Modelle von unten an. Modelle mit dunkelblauen Unterseiten sind völlig unfliegbar, da der Himmel teilweise knapp dunkler ist als von unten angeleuchtetes RAL 5002 Ultramarinblau! Auch alle Arten von Rottönen sind extrem ungeeignet, bei den hier geflogenen Distanzen verschwinden sie zu Grau.


Das Fliegen über Waldstrassen im Spätwinter wird immer ein Spezialfall bleiben - aber wohl der schönste denkbare Spezialfall. Die immer noch kleine aber langsam wachsende Fangemeinde sehnt sich nach nichts mehr als dem nächsten Spätwinter. Werden sie Mitglied bei ihr.


Bertram Radelow
© 2018