T E M P E R A T U R G R A D I E N T




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9.5.2020 - in 3180m Höhe (MSL) über Davos - mit einem F3J...

Bevor verschiedene Winde erläutert werden, soll zunächst die Schichtung der Luft betrachtet werden. Wenn man am Boden Luft in eine Thermoskanne (mit winzigem Druckausgleichslöchlein) füllt und diese 1000m in die Höhe trägt, kühlt sie dabei um 10° ab. Das ist die sogenannte trockenadiabatische Abkühlung: 1°C pro 100m.

Wenn man diese Luft dort 1000m höher aus der Kanne fliessen lässt und sie ist verglichen mit der umgebenden Luft
  • zufälligerweise gleich kalt: dann bleibt die Luft aus der Thermoskanne am Ort, die Luftschichtung ist indifferent
  • wärmer: dann steigt sie in die Höhe, die Luftschichtung ist labil (in der Höhe kälter als durchscnittlich). Das ist der Vorgang bei Thermik- und Wolkenbildung.
  • kälter: dann sinkt sie in die Tiefe, die Luftschichtung ist stabil (in der Höhe wärmer als durchschnittlich). Das ist an den wolkenlosen "Goldener Oktober"-Tagen der Fall.
Diese meteorologischen Grundlagen sind i.d.R. bekannt. Hier soll auf einen speziellen Punkt hingewiesen werden:

Die Kräfte, die die Luftmassen in ihrer jeweiligen passenden Temperaturschicht halten, sind ausserordentlich gross. Es braucht sehr viel, um eine Luftmasse dazu zu bringen, sich nach oben oder nach unten zu bewegen. Wenn ein grossräumiger Wind wie Föhn oder Bise direkt auf einen Berg bläst, wird er i.d.R. fast vollständig seitlich um ihn herum wehen und nicht über ihn hinweg. Erst wenn es wirklich nicht anders geht, hebt der Wind sich bei einem Hindernis an, und selbst dann eigentlich nur in unbedeutendem Ausmass:

Zum Verständnis des (Süd-)Föhns ist es wichtig, dass die (vom über den Alpen aufgetretenen Druckgefälle) an die Südseite herangeschobene Luft sich bis auf unbedeutende lokale Mengen NICHT anhebt, sondern nur die oberen Schichten über die Einfallpforten nach Norden gelangen. Die warme Föhnluft im nördlichen Alpenvorland stammt aus italienischen Luftmassen in 2500m - 5000m Höhe! Föhn ist immer ein stabiles Luftgeschehen - je stabiler (und damit in der Höhe relativ zu warm) die Luft in Italien ist, desto wärmer wird die Bodenluft im nördlichen Alpenvorland.

Ein kräftiger Föhn, der an einen Berg hinbläst, ist also kein Grund zu starker Vorfreude! Von einer schmalen Schicht an den Hängen, über den Graten und Gipfeln abgesehen wird er überaus genau horizontal blasen und keine Aufwinde enthalten. Ausser Thermik in ausgedehnter labiler Luft und Hangwinde in nur begrenzter örtlich labiler Situation geht kein Wind nach oben, ausser er wird dazu fast mit Gewalt gezwungen.

Ein weiteres Beispiel für eine häufige Enttäuschung: die Colli di San Femo bilden einen der ersten schönen Alpenhänge oberhalb der Po-Ebene bei Bergamo. Sie werden im Frühsommer praktisch immer schön von Süden angeblasen, trotzdem kommt es zu sehr vielen überraschenden Absaufern im Gebiet davor. Am Startplatz stehend hat man das Gefühl, dass vor einem ein gigantischer Hangaufwind hochbläst - doch das täuscht gewaltig. In Wirklichkeit liegt im April und Mai dort ein riesiger Kaltluftsee, von dem gerade Mal die oberste Schicht am Startplatz (ein wunderschöner kleiner Grat) nach Norden "überläuft" und sich dabei nur gerade an diesem Grat ein paar dutzend Meter erhebt. Davon abgesehen ist vom Startplatz bis Bergamo nur völlig tote Luft (die dann aber im Tagesverlauf von zunehmender Thermik durchbrochen wird).

Es ist also doch wichtig, auf die Temperaturunterschiede zwischen Tal und Gipfel zu achten. Davos ist in der glücklichen Lage, zwei Messstationen im Tal und am Gipfel (Weissfluhjoch) zu haben, die bei Meteo Schweiz im Abschnitt "Messwerte an Stationen" sogar für die drei rückwirkenden Tage angezeigt werden. Hier ein Beispiel (Zusammenschnitt von zwei Grafiken) für den 9.5.2020, einen Tag mit ganz ausserordentlicher Thermik:

© meteo swiss


Um 12:00, als dort beste Thermik mit über 7m/sec war, war der Temperaturunterschied zwischen beiden 10,9°C, um 14:00 war er 11,2°C und noch um 17:00 sogar 11,4°C. Angesichts des Höhenunterschiedes von 1100m mag das nur ganz knapp labil (und damit nur wenig gut für Thermik erscheinen) - aber unsere sehr langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass hier 10°C bereits eine sehr vernünftige Thermik versprechen. Der Grund ist recht simpel: am Vormittag ist die Luft am Talboden deutlich stabil (beinahe Richtung Talinversion), was bedeutet, dass sie wohl etwa ab oberhalb der Waldzone ebenso deutlich labil sein muss, damit man in den 1100m auf eine als Summe leicht labile Gesamtschichtung kommt. Eine Messstation auf 2100m Höhe gibt es leider nicht.

Wer also einen Flugtag in Davos plant, ist gut beraten, sich als allererstes die Temperaturverläufe von Davos und Weissfluhjoch in den letzten drei Tagen bei meteoschweiz anzuschauen. Wenn ruhiges Sommerwetter herrscht und immer 10°C erreicht wurden, kann man gute Thermik erwarten, bei 11° bereits beste Thermik. Interessant ist noch, wann die 10°C erreicht werden - im Beispiel oben war das um 11:00 der Fall, da lief die Thermik bereits.



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