Ü B E R    D E N  W Ä L D E R N



Was sich mit der Kalten Thermik im Hochwinter andeutet, explodiert am Ende des Winters geradezu... Schon um 2000 waren in Davos winterliche Flüge über 1000m bekannt, aber nicht verstanden.


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um 12°° schon 6 Segler zwischen 800m und 1200m -
hier dachten wir noch an unerklärliche Hangwinde

Damals waren diese seltsamen Höhenflugmöglichkeiten nicht wirklich verstanden. Da es aber immer an (je nach Wetter auch unterschiedlichen) Hängen möglich war, dachten wir damals an orografische Phänomene: Der Wind würde am Hang angehoben. Simple einfache Thermik im schneebedeckten winterlichen Gelände schien uns damals als Ursache einfach absurd und unmöglich.

Richtig systematisch erflogen wurden diese seltsamen Aufwinde erst ab 2018. Die Geschichte der Entdeckung der vorher nicht erkannten Thermik steht in diesem Fotobericht. Mit dem neuen Verständnis wurden gezielte Flüge möglich, die nicht nur einfach über den früher erprobten Hängen herumstocherten, sondern versuchten, den Windversatz der Thermikzonen über den Wäldern zu verstehen und auszunutzen. Im Frühjahr 2020 flog selbst ein 81-jähriges Clubmitglieder mit einem Epsilon 3 über 1000m hoch...

Inzwischen sind diese Flüge zwischen Mitte März (Beginn der starken Thermik) und Mitte April (Abschmelzen der Schneedecken und dadurch wesentlich schlechtere Sichtbarkeit der Modelle) DAS Davoser Segelflug-Highlight. Um dafür bestens gerüstet zu sein, folgen hier ein paar Bemerkungen zu dieser speziellen Thermik:

Charakter der Waldthermik
  • Die Wälder blasen ganz gleichmässig die warme Luft in die Höhe. Das Ende des Aufwindes konnten wir an guten Tagen nicht erfliegen, es dürfte im April bei über 4000m Höhe liegen (ab April selten kleine extrem hohe Cumuli).
  • Ab 800m Höhe (über Startplatz in Davos = 2400m MSL) beschleunigt die Thermik eher noch, 6m/sec pro Sekunde können über längere Abschnitte erflogen werden
  • Die Waldthermik bildet keine sommerlichen runden Schläuche, sondern ganze Zonen, in denen man unverändert im Geradeausflug steigen kann. Die Aufgabe ist weniger ein "Zentrieren", sondern ein Abfliegen und Erkennen des Aufwindgebietes. Im März sind die Grenzen weich, im April teils sehr scharf gezeichnet, mit kräftigen Abwinden ausserhalb.
  • Die Waldthermik ist völlig ortsfest und wandert nicht herum.
  • Im März ist sie wie ein sanfter Fahrstuhl: Segler hineinstellen und sich an den regelmässigen Höhenansagen des Varios erfreuen.
  • Im April wird sie dann nach oben hin schon ruppiger und rodeoartiger: Wir befinden uns dann in Zonen, in denen sich normalerweise nur echte Segelflugzeuge bewegen.
  • Die Waldthermik ist so stark, dass sie stabile Luftschichtungen fast problemlos durchstösst. Das gilt auch für stabile Luftströmungen wie Föhn und Talwind - in Grenzen.
  • Sie lebt von dem Gegensatz der völlig trockenen schwarzen Wälder und den gleissenden Schneefeldern ober- und unterhalb. Wenn diese schmelzen und die Nadelbäume durch den Knospungsbeginn feuchter und heller werden, geht es mit der Waldthermik zu Ende.
geeignete Modelle
  • alle E-Segler ab 3m Spannweite, die man selber starten kann. Kleinere Modelle machen keinen Sinn, man erreicht die Einstiegshöhe nicht.
  • Bei Scaleseglern sind tatsächlich die leichten Modelle und Oldies im Nachteil, weil sie sich in der Höhe gegenüber den horizontalen Windkomponenten nicht genügend durchsetzen können. 4,5m und 6kg scheint mir gut geeignet.
  • Leichte Zwecksegler (F3J-E, um 2000g) steigen zunächst deutlich besser, F3B-E (3000g) setzt sich oben gegen den Wind besser durch. F3J-E wird in grosser Höhe oft im Strak oder gar Speed geflogen: mit Thermikstellung bleibt man "stecken". Man kann nicht wirklich entscheiden, was besser geeignet ist. Reine F5J um 1500g sind aber sicher zu leicht und ungeeignet - bei Föhn werden diese ins Nachbartal nach Arosa geblasen.
  • Die Modelle sind in den aussergewöhnlich grossen Höhen nur deswegen so gut erkennbar, weil sie von der von den Schneedecken reflektierten Sonnenstrahlen wie mit Flak-Scheinwerfern angeleuchtet werden.
    Die Unterseite muss deswegen zwingend grösstensteils weiss sein. Dazu sind zur Sicherheit zwei dunkle Balken nötig: dünne Cirrus-Bewölkung zieht nicht etwa rechtzeitig erkennbar auf, sondern entsteht manchmal überraschend schnell vor Ort. Mit rein weissen Flächenunterseiten hat man dann ein Problem. Dunkelblaue Unterseiten sind ein völliges Nogo. Bei sehr trockenem und dunklen Himmel werden die vollständig unsichtbar!
    Ein leuchtend neonpinkes oder neonoranges Leitwerk hilft unglaublich, das Modell nicht aus den Augen zu verlieren.
    Ein optimale Kolorierung sieht man im Einsatzbildchen im Diagramm unten.
  • Man muss sich unbedingt 100% sicher fühlen, mit dem Modell zu trudeln! Falls es zu langsam trudelt, muss man mit QR (Knüppel wie SR) einen steileren Abstieg erzwingen. Man muss sich wirklich vollkommen sicher sein, das Modell auch jenseits der Sichtgrenze so zum Abstieg zu bringen.
Flugtatik
  • Vor 12°° können reine Hangwinde schon ein fliegen ermöglichen. Die Waldthermik beginnt aber i.d.R. gegen 11:30 (die Sommerzeitumstellung gleicht den immer früheren Sonnenaufgang zwischen Mitte März und Mitte April aus), dann ist der Einstieg aber manchmal noch schwierig. Im Schlepp kann man sich natürlich gleich auf gute Arbeitshöhe schleppen lassen (>500m).
  • Man startet unterhalb des Waldgürtels, wegen der Übersicht in einem gewissen Abstand. Oder eigentlich besser oberhalb, aber diese Orte sind i.d.R. nicht oder nur schwer zu erreichen.
  • Ein Steigflug auf 250m über den Wald reicht i.d.R. aus, aber selten sind auch mal 500m nötig.
  • Man versucht abzuschätzen, wohin der Wind die Aufwinde versetzt und lotet das Areal über dem Wald aus. Oft findet man scharfe Kanten, neben denen keinerlei Aufwind ist. Das Modell bei Geradeauspassagen sorgfältig beobachten, wie der Windversatz ist.
  • Während des Aufstieges lotet man weiter aus, ab einer gewissen Höhe wagt man Streckenflüge zu anderen Wäldchen und versucht herauszufinden, welcher Wald am besten trägt.
  • Wenn am Startort Talwind einsetzt, versucht man nicht unter 500m zu kommen. Meist kann man dann noch 30-60min problemlos in der Höhe fliegen.
  • Abstieg: Jenseits von 1000m ist alles ausser Trudeln zu gefährlich. Man kann nicht erkennen, ob man kritische Geschwindigkeiten überschreitet. I.d.R. beginnen wir mit Abstiegsakrobatik erst unterhalb 700m.

Hier das Diagramm eines solchen reinen Thermikfluges (ohne unterstützenden Föhn):


(Klick: grosses Bild)


Im Kapitel Föhn ist ein etwas anderer Flug beschrieben, bei dem zunächst hanggebunden mit dem Föhn eine Arbeitshöhe um 550m erreicht wird, um anschliessend den Hangflugbereich zu verlassen und gezielt die Thermikzone über dem Waldgürtel (der vorher in eher niedriger Höhe über Grund überstiegen wurde) wieder aufzusuchen und bis zur Sichtgrenze zu steigen, die sonnenstand- und luftfeuchtigkeitsbedingt in dieser Stunde bei 1200m lag.

Ausgewählte weitere Fotoberichte von Flügen in der Waldthermik:

Feb. 2011
März 2013


Waldthermik und Modellflug

DAVOS:
Waldthermik wurde hier vom Nordrand von Davos, von der Lengmatta und von der Stafler Alpstrasse aus erflogen. Es gibt sicher noch mehr geeignete Wälder; z.B. könnte das Sertig ab Nachmittag interessant sein.

Die Schatzalp wäre sogar mit der Bahn zu erreichen, das ist von uns aber bisher noch nicht ausprobiert worden.

ALPEN:
Eigentlich sollte das Beschriebene in den gesamten Alpen an Orten möglich sein, die um die 1200m bis 1500m hoch liegen und im Norden erreichbare Waldgürtel haben.



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